LOS - Die Antreiber

Über alle Hierarchiestufen hat sich Coaching in den letzten Jahren als fester Bestandteil der Personalentwicklung etabliert. Doch das Angebot ist groß und unübersichtlich – und nicht immer kann ein Coach tatsächlich helfen.

Alleine in seiner Ecke hatte Henry Westphal sein Aha-Erlebnis. Im Rahmen eines Team-Coachings sollten der Berliner Unternehmer und einige seine Mitarbeiter nach einer vorgegebenen Methode gemeinsam ihr persönliches Verhalten analysieren: Wer ist im Team eher ein Beobachter, Berater oder Unterstützer, wer sorgt für Motivation und Inspiration? Anschließend bat der Coach alle Anwesenden, sich entsprechend des Ergebnisses im Raum verteilt aufzustellen. „Ich war der einzige Inspirator und stand abseits von allen anderen. Genau wie im richtigen Leben! Das war ein einschneidendes Gefühl“, sagt Westphal.

Der 54-jährige Ingenieur ist einer der beiden Geschäftsführer der Berliner Tigris Elektronik GmbH. Das mittelständische Unternehmen entwickelt und fertigt elektronische Baugruppen, Geräte und Systeme, die weltweit bei bekannten Großunternehmen zum Einsatz kommen. Langjährige Kunden stammen beispielsweise aus dem Maschinenbau oder der Medizintechnik. Gemeinsam mit seinem ehemaligen Kommilitonen Guido Kuhlmann hat Westphal das Unternehmen während des Studiums gegründet – heute führen sie 18 Mitarbeiter. „Über meine Rolle als Chef habe ich mir nie so richtig Gedanken gemacht“, sagt er. Eine besondere Stellung gegenüber den Mitarbeitern einzunehmen, das Gefühl, nicht dazuzugehören, habe ihn eher belastet.

Doch durch das Unternehmenswachstum wurde es notwendig, Strukturen, Verantwortlichkeiten und Befugnisse klarer festzulegen als zuvor. Eine Mitarbeiterin schlug schließlich ein Coaching vor, eine Idee, die bei den beiden Unternehmern und auch bei vielen Mitarbeitern gut ankam. Heute weiß Henry Westphal, dass seine Mitarbeiter Entschlossenheit und eine klare Meinung an ihm schätzen. Seine Führungsrolle hat er angenommen und sein Verhalten darauf eingestellt. Viele Projekte laufen seither reibungsloser und auch bei einem überraschend erforderlichen Umzug der Firma, dem viele Mitarbeiter zunächst skeptisch entgegensahen, hat sich sein neuer Führungsstil bereits bewährt. „Durch das Coaching ist mir bewusst geworden, dass meine Funktion im Unternehmen gebraucht wird. Wenn ich manchmal alleine dastehe, dann gehört das zu meiner Aufgabe und ist kein persönlicher Fehler“, so sein Fazit.

COACHING, TRAINING, MENTORING. WAS IST WAS?

Coaching im beruflichen Umfeld zielt darauf ab, eine berufliche Situation, das eigene Verhalten als Führungskraft oder Teammitglied und die Zusammenarbeit im Team zu verbessern. Coaching ist immer ergebnis- und lösungsorientiert. Der Coach fördert die Selbstreflexion und hilft seinen Klienten dabei, Problemursachen zu erkennen und eigene ­Lösungen zu entwickeln.

Training dient dem gezielten Aufbau bestimmter Verhaltensweisen. Im Vordergrund steht – ganz wie im Sport – das Erlernen eines „idealen“ Ablaufmusters. Trainings sind weniger individuell und finden oft in Gruppen statt, zum Beispiel Verkaufstrainings, Rhetoriktrainings, Moderationstrainings. Training kann als ergänzende Maßnahme im Coaching eingesetzt werden, etwa um festgestellte Verhaltensdefizite zu korrigieren.

Mentoring bezeichnet ein patenschaftliches Verhältnis, in der Regel zwischen einem jungen oder neuen Mitarbeiter und einer erfahrenen Fach- oder Führungskraft. Der Mentor hat die Aufgabe, unternehmensspezifisches Wissen zu vermitteln, den Neuling ans Unternehmen zu binden, ihn intern zu vernetzen und oft auch karrierebezogen zu beraten. Mentoring zielt meist darauf ab, High Potentials zu fördern, Fluktuationskosten zu reduzieren und Konflikte bei der Integration neuer Mitarbeiter zu vermeiden. Hier kann Coaching eine zusätzliche Komponente im Rahmen von Mentoring darstellen.

Quelle: DBVC

Der Coaching-Markt boomt

Mit der Entscheidung, sich und sein Team coachen zu lassen, ist Henry Westphal nicht allein. Individuelle Entwicklungshilfe in Karriere- und Führungsfragen wird quer durch alle Branchen gerne in Anspruch genommen. Die International Coach Federation ICF beziffert die Umsätze mit Coaching in Westeuropa auf rund 770 Millionen Euro. Allein in Deutschland sind schätzungsweise rund 8.000 Menschen als Coach tätig, ein Großteil davon freiberuflich oder als Selbstständige mit eigenem Unternehmen.

„Coaching ist zu einem festen Bestandteil der Personalentwicklung in zahlreichen deutschen Unternehmen, insbesondere in den mittleren und gehobenen Führungsebenen geworden“, schreibt Diplom-Psychologe und Business-Coach Christopher Rauen im Coaching-Report. Die Gründe sieht er zum einen in den verschärften Anforderungen des modernen Führungsalltags: steigende Komplexität, eine höhere Informationsdichte sowie zunehmender Zeit-, Effizienz- und Leistungsdruck sorgen für wachsenden Coaching-Bedarf. Zugleich verändere sich die Unternehmens- und Führungskultur. „Insbesondere jüngere Mitarbeiter empfinden Coaching eher als Auszeichnung“, sagt Elke Antwerpen. Sie arbeitet seit mehr als zehn Jahren als Business-Coach für mittelständische Unternehmen und Konzerne und ist überzeugt: „Coaching ist die effizienteste Art und Weise, seine Leistungsträger weiterzuentwickeln.“ Insofern verstehe sie ihre Arbeit mit Mitarbeitern und Führungskräften eher als Incentive und Chance zur Weiterentwicklung und nicht als notwendiges Nachsitzen. „Das heißt nicht, dass nicht auch Schwächen thematisiert werden.“

In der Mehrzahl der Fälle werde auch Antwerpen angesprochen, weil etwas suboptimal laufe. Doch die Expertin fokussiert – um etwas zu verbessern – vor allem auf vorhandene Stärken. „Es macht einen eklatanten Unterschied, ob man aus einer defizitären Haltung heraus ein Lernfeld angeht – oder in dem Bewusstsein, viele Stärken zu besitzen, die man bewusster einsetzen kann“, sagt sie.

» Insbesondere jüngere Mitarbeiter empfinden Coaching eher als Auszeichnung. Es ist die effizienteste Art und Weise, Leistungsträger weiterzuentwickeln. « Elke Antwerpen, Business Coach 

Knifflige Auswahl

Den passenden Coach zu finden, ist allerdings keine leichte Aufgabe. Die Berufsbezeichnung ist rechtlich nicht geschützt und erfordert keine vorgeschriebene Ausbildung. Zwar können laut Marburger Coaching-Studie rund zwei Drittel aller Coaches einen Hochschulabschluss vorweisen, beispielsweise in Wirtschafts- oder Sozialwissenschaften oder in Psychologie. Rund 70 Prozent haben zudem ergänzend zu ihrer ersten Hochschul- oder Berufsausbildung eine private Zusatzausbildung im Coaching absolviert. Doch bislang fehlen für diese Kurse verbindliche Standards. Jedes Ausbildungsinstitut könne sein eigenes Curriculum entwickeln und als Weiterbildung verkaufen, schreibt die Stiftung Warentest. Die Tester haben rund 300 Einstiegsqualifizierungen im Coaching untersucht und dabei enorme Unterschiede im Hinblick auf Unterrichtsmethoden, Kosten und Dauer der Programme festgestellt. Die Preisspanne reichte von rund 300 bis 17.000 Euro, die Ausbildung dauerte zwischen zwei Wochen bis zu zwei Jahren.

Auf der Suche nach einem qualifizierten Entwicklungshelfer lohnt für Auftraggeber also das Nachfragen: Wie und wo hat der jeweilige Coach das Coachen gelernt und wie umfangreich war die praktische und theoretische Ausbildung? Große Berufsverbände wie der Deutsche Bundesverband Coaching (DBVC) oder der Berufsverband für Trainer, Berater, Coachs (BDVT) zertifizieren ihre Mitglieder nach verbindlichen und nachprüfbaren Kriterien und bieten so eine erste Orientierungshilfe. Neben einem relevanten Hochschulabschluss und einer vom Verband anerkannten Coaching-Zusatzausbildung zählen dazu beispielsweise mehrjährige Berufs- und Coaching-Erfahrung, persönliche Referenzen, solide wirtschaftliche Verhältnisse und die Abgabe einer Anti-Sekten-Erklärung. Wer auf dem Coaching-Portal des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen BDP als zertifizierter Coach eingetragen ist, hat sogar ein Psychologiestudium erfolgreich abgeschlossen.

WAS KOSTET COACHING?

Laut DBVC liegt das marktübliche Honorar für ein qualifiziertes Business-Coaching bei 150 bis 350 Euro pro Zeitstunde. Aus der jährlich vom BCO Köln (Büro für Coaching und Organisationsberatung) durchgeführten Coaching-Umfrage ergibt sich ein durchschnittliches Honorar für von Unternehmen beauftragten Business-Coaches von rund 180 Euro pro Stunde. Der BDVT gibt folgende Richtwerte an:

✪ Starter, deren Ausbildung noch nicht final abgeschlossen ist: ab 200 Euro
✪ Professionals mit abgeschlossener Ausbildung, ersten Erfahrungen und Verpflichtung auf die ­Gütekriterien des BDVT: ab 240 Euro
✪ Senior-Professionals mit zusätzlicher umfassender Lebens- und Beratungserfahrung: ab 300 Euro  

Branchenerfahrung ist von Vorteil

Eine qualifizierte Ausbildung plus praktische Coaching-Erfahrung sind also wichtige Auswahlkriterien. Darüber hinaus profitierten Coaching-Kunden oft von einschlägiger Berufs- und Branchenerfahrung ihres Coaches. „Bei vielen Aufträgen ist es hilfreich, dass ich die Sprache der Manager und Mitarbeiter spreche“, sagt Projektcoach Nicola Findeis aus Lübeck. Die Physikingenieurin hat als Angestellte viele Jahre in technischen Projekten bei verschiedenen Unternehmen gearbeitet. Dabei fiel ihr auf, dass Teams oft eher mit menschlichen als mit technischen Problemen zu kämpfen haben. So kam sie auf ihre Geschäftsidee: Nach einem elfmonatigen Fernstudium in Mediation und Coaching hat sich Findeis 2016 selbstständig gemacht. Seitdem unterstützt sie Projektmanager und ihre Teams dabei, erfolgreich zusammenzuarbeiten und ihre Deadlines zu halten. „Viele schätzen es, einen projekterfahrenen, branchenkundigen Sparringspartner zu haben, der nicht aus dem Unternehmen kommt und dem sie ohne Scheu Wissenslücken und Unsicherheiten eingestehen können“, sagt sie.  

» Viele schätzen es, einen projekterfahrenen, branchenkundigen Sparringspartner zu haben. « Nicola Findeis, Projektcoach 

Auch für Insa Klasing ist Berufs- und Branchenerfahrung Trumpf. Gemeinsam mit ihrem Bruder und einer befreundeten Psychologin hat die ehemalige Deutschlandchefin der Fast-Food-Kette Kentucky Fried Chicken 2017 das Unternehmen The Next We gegründet. Das Berliner Startup bietet bundesweit Online-Coachings für Führungskräfte an. Alle Coaches stehen aktiv im Berufsleben und werden in Teilzeit für passende Coaching-Aufträge eingesetzt: „Uns ist es wichtig, diesen Praxisbezug anbieten zu können, um die Realität unserer Klienten zu verstehen“, sagt die 38-jährige Gründerin.

Online geht’s günstiger

Als ehemalige Top-Managerin verspricht Klasing ihren Kunden messbare Ergebnisse binnen zwölf Wochen. Coach und Aufraggeber vereinbaren dazu zunächst ein konkretes Entwicklungsziel, etwa die Stimmung im Team zu verbessern. Das Anliegen wird dann mit einem geeigneten messbaren Geschäftsziel verknüpft. Das kann im Vertrieb beispielsweise die Anzahl der Abschlüsse oder der Umsatz sein, in anderen Bereichen die Mitarbeiterzufriedenheit oder die Anzahl der Fehltage. Zwölf Wochen sind laut Klasing der ideale Zeitraum, um mit einem Mitarbeiter intensiv zu arbeiten: „Einerseits kurz genug, damit dieser ‚bei der Stange bleibt‘, und lange genug, um eine nachhaltige Verhaltensänderung zu etablieren.“

In den ersten vier Wochen beginnt die kognitive Phase, also das Umdenken. Klasings Coaches sind darauf geschult, sogenannte selbst-limitierende Überzeugungen – also bestimmte Denkmuster, die das Verhalten nachteilig beeinflussen – zu erkennen und aufzulösen. Wer als Führungskraft beispielsweise davon überzeugt ist, dass die Mitarbeiter mit engmaschiger Kontrolle besser und schneller arbeiten, riskiert, sein Team zu demotivieren. Aber auch, wer unbedingt von allen gemocht werden will, verhält sich als Chef oft unpassend. In den nächsten vier Wochen wird das neue Verhalten geübt und im Alltag verankert – bis es in den finalen vier Wochen zur Selbstverständlichkeit wird. Neben fest vereinbarten Telefonterminen ist der Coach für seine Mandanten während der gesamten Zeit jederzeit online zu erreichen, flexibel und ohne Reisekosten. Das Konzept kommt an. Zu Klasings Kunden zählen internationale Konzerne wie UPS oder Procter & Gamble, aber auch Startups und Mittelständler mit kleineren Budgets.  

» Unsere Coaches sind darauf geschult, bestimmte Denkmuster zu erkennen und aufzulösen. « Insa Klasing, The Next We 

Nicht ohne Vertrauen

Egal ob digital oder klassisch – eine sorgfältige Auftragsklärung ist die Basis für jedes erfolgreiche Coaching. Ist eine erste Vorauswahl, etwa anhand von Qualifikationen, Erfahrungen und Standort getroffen, sollte man mit mehreren Coaches ein Kennenlerngespräch vereinbaren. „Für beide Seiten muss die Chemie stimmen“, sagt Gabriele Müller, Vorstand der Berliner Isco AG. Sie ist seit vielen Jahren als Coach und Coach-Ausbilderin aktiv – und hat auch die Tigris-Chefs beraten. Coaching erfordere Vertrauen und eine klare Vorstellung davon, was erreicht werden solle, sagt auch Elke Antwerpen. „Der Klient bestimmt das Ziel, der Coach den Prozess. Oder anders gesagt: Der Coach wird nicht für Antworten bezahlt, sondern für gute Fragen.“

Weil die nicht immer nett sein müssen, ist die richtige Wellenlänge entscheidend. Bei einem ersten Kennenlerntermin sollte es deshalb vor allem darum gehen, ob man Vertrauen aufbauen kann, den Beratungsbedarf des Kunden auszuloten und zu klären, inwieweit ein Coaching überhaupt helfen kann. Mitarbeiter mit Anzeichen von psychischen Erkrankungen wie Burnout oder Depression sollten beispielsweise anstelle eines Coaches unbedingt einen Psychotherapeuten aufsuchen. Andere benötigen vielleicht eher ein Training oder Mentoring.

Wenig Aussicht auf Erfolg haben laut Gabriele Müller „Fremdheilungsaufträge“, also Coachings, die der Chef den Mitarbeitern gegen deren Willen verordnet. Auch Coachings, die nur eine Alibifunktion erfüllen sollen, statt echte Veränderungen anzuschieben, lehnt sie ab. Umgekehrt kann ein Coach bei echten, tiefgreifenden Change-Prozessen Führungskräfte zwar sinnvoll unterstützen, nicht aber komplett ersetzen und ihnen die Verantwortung abnehmen. Die meisten Veränderungsprozesse erfordern zudem Zeit: „Wunder in einer Woche gibt es nicht“, sagt Gabriele Müller.

SO FINDEN SIE COACHES

Auf den Seiten der großen Berufsverbände können Unternehmer alphabetisch, geografisch oder anhand von Spezialisierungen nach Coaches suchen.

✪ dbvc.de – Deutscher Bundesverband Coaching, DBVC
✪ bdvt.de – Berufsverband für Trainer, Berater, Coachs, BDVT
✪ coachingportal.de – Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen, BDP
✪ dvct.de – Deutscher Verband für Coaching und Training, DVCT

Bei Xing finden Sie Coaches mit ausführlicher Beschreibung und mit Bewertungen unter coaches.xing.com  

Quelle: Creditreform Magazin
Text: Kirstin von Elm 

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